Wunder geschehen…

Dicke Lettern auf den Titelseiten.
Dick und schwarz.
Bisweilen auch gleich rot.
Ein Mädchen wurde gefunden.
Acht Jahre in den Händen eines Perversen.
Ein Entführer, der das Mädchen auf dem Schulweg abfing…
Die Eltern hofften über Jahre.
Die Mutter sagte immer wieder.
Ich fühle, dass mein Kind noch lebt.
Acht Jahre durch die Hölle gehen.
Nicht wissen, was aus dem eigenen Kind geworden ist.
Ungewissheit ist oft die schlimmste Folter.
Was haben die Eltern mitgemacht?
Wir ahnen es nicht.
Nicht ansatzweise.
Ein Kind verschwindet.
Und man weiß nicht, was mit ihm passiert ist.
Vielleicht ist es tot.
Aber nicht einmal das ist sicher.
Man kann nicht Abschied nehmen von dem Kind…

Ein Wunder wurde wahr.
Das Mädchen konnte fliehen.
Der Entführer nahm sich das Leben.
Ein Wunder.
Kein märchenhaftes Wunder.
Mit dem alles gut wird.
Als hätte es das furchtbare Verbrechen nie gegeben.
Das man dem Kind angetan hat.
Aber das Mädchen lebt.
Und ich vermag mir nur ungenügend vorstellen.
Was seine Eltern in diesem Moment empfinden.
Nach all dem Leid.
Kein Abgrund kann tiefer sein als dieses Verbrechen.
Und nun können Vater und Mutter ihr Kind in die Arme schließen.
Ein Kind, das kein Kind mehr ist.
Sondern eine junge Frau.
Eine junge Frau, die sie nicht wirklich kennen.
Und die ihre Eltern wieder neu finden muss.

Ein Wunder ist geschehen.
Ein Kind wurde noch einmal geboren.
Wurde dem Leben quasi zurückgegeben.
Ein Wunder.
Und eine schwere Aufgabe zugleich.
Das Mädchen hat Schlimmes mitgemacht.
Eine Blume, die unter einem Schuhkarton wachsen musste…
Missbrauch verarbeiten.
Soziales Leben lernen.
Und die Liebe…
Zu den Eltern wie zu den Menschen gleichermaßen…
Man kann das Rad der Zeit nicht zurückdrehen.
Aber man kann die Wunden heilen.
So gut es geht.
Zeit…
Was sind schon fünf Wochen!
Das Mädchen wird Jahre brauchen.
Genau wie die Eltern.
Die das Verbrechen am Kind verarbeiten müssen.
Die ohnmächtige Wut auf den Täter.
Der sich feige der Justiz entzogen hat.
Das Verbrechen wird ungesühnt bleiben…

Und trotzdem ein Wunder.
Eine Geschichte, die uns zu denken geben sollte.
Wie schnell wir oft den Mut wegwerfen.
Wenn sich unsere Träume nicht gleich erfüllen lassen.
Wie wir oft jammern:
Wegen einer verpassten Gelegenheit!
Dieser Fall zeigt uns, wie kleinmütig wir sind.
Und wie gedankenlos.
Man denke nur an die Mutter jenes Mädchens.
Acht Jahre erdrückt von der Sorge.
Schlaflose Nächte.
Unaussprechliches Leid.
Aber zählt das noch?
Nein!
Es zählt nur mehr das Jetzt.
Alles andere ist nicht so wichtig.
Dafür ist später Gelegenheit genug.
Wir sollten öfter an Wunder glauben.
Und ihnen auch Zeit lassen…

© Vivienne

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